Der Weg des Problems
"Kannst du mir kurz mal mit dem iPad helfen, Hendrik?" war eine Frage, mit der ich häufig im Pausenraum begrüßt wurde. Das ging bei mir sogar so weit, dass ich irgendwann nicht mal mehr in den Teamraum gehen wollte, weil es dort für mich lediglich um Arbeit ging. Die iPad-Sprechstunde, für die ich sogar kurze Zeit eine Verfügungsstunde bekam, wurde aber nur selten genutzt oder musste aufgrund von Vertretungssituationen ausfallen.
Gleichzeitig kann ich die Fragen und Probleme der Kolleg:innen verstehen. Sogar mehr noch: Ich freue mich, dass sie ein Problem haben, für das sie eine Lösung suchen. Denn das zeigt, dass sie sich mit dem Gerät oder der App beschäftigt haben, etwas Neues ausprobiert haben und nun nicht weiterkommen. Schwierig ist nur, dass sie zu häufig nur mich allein angesprochen haben und ich somit kaum mehr Kontakt zum Kollegium außerhalb meiner Tätigkeit als iPad-Experte hatte.
Ich kenne viele Schulen, an denen einzelne Personen für sämtliche Aufgaben der Digitalisierung zuständig sind. Während es manchmal dafür sogar Entlastungsstunden gibt, zeigt das obige Beispiel deutlich, wie herausfordernd Digitalisierung an Grundschulen eigentlich ist.
Das Wort herausfordernd wird häufig mit überfordernd synonymisiert. Dabei enthält es aber auch das Wort fordernd, was wir Lehrkräfte gerne auch für sehr gute Schüler:innen verwenden, denen wir Aufgaben geben, die sie voranbringen sollen. Die Herausforderung anzunehmen bedeutet also, dass Arbeit vor uns steht, wir aber am Ende der Anstrengung uns weiterentwickelt haben.
Nun aber zum Thema: Meine Überforderung war, dass ich alleine den kompletten Support für das Kollegium geben wollte. Da das für mich nicht funktionierte, gelang ich zu der Erkenntnis, dass die Aufgaben in der Digitalisierung umverteilt und geschickt in Rollen gebündelt werden müssen. Ein wichtiges Element ist dabei die Person deren Problem gelöst wurde. Denn diese Person multipliziert die Lösung und wird zum Ansprechpartner.
Das Ziel also muss sein nachhaltige Lösungen zu finden. Dadurch wird aus einem Kreislauf ein Weg. Früher oder später stoßen alle Kolleg:innen an dieselben technisch-pädagogischen Probleme im Unterricht mit digitalen Endgeräten und diese Personen laufen dann meistens zur selben Person oder ziehen sich in ihre Komfortzone zurück.
Der Weg des Problems setzt sich deshalb aus folgenden Kernelementen zusammen:
Das Problem…/Die Probleme…
  1. mitteilen/anhören
  1. bündeln
  1. lösen, umgehen* oder weitergeben
  1. Lösungen zugänglich machen
  1. Lösungen multiplizieren
* umgehen meint in diesem Fall, dass ein Work-around gefunden wird.
Den Weg gehen:
Schritt für Schritt
Schritt 1: Aufgabenverteilung und Rollenmanagement
  • Wie können die Zuständigkeiten möglichst effizient gebündelt oder verteilt werden?
  • Wer übernimmt welche Aufgaben?
  • Wie viele Personen können in das Vorhaben eingebunden werden?
Schritt 2: Supportebenen und -abläufe definieren
  • Wer kann für welche Art Probleme angesprochen werden?
  • Wo beginnt die Problemlösung?
Schritt 3: Instrument zur Nachhaltigkeit
  • Wie wird sichergestellt, dass das Problem nicht erneut angesprochen werden muss?
  • Wie können neue Lehrkräfte über erprobte Problemlösungen informiert werden?
Schritt 4: Evaluation und Reflexion
  • Was sind Faktoren die an deiner Schule besonders gut funktionieren?
  • Wie hat das Besprochene/Gelernte etwas geändert?
Das mache ich in meinen Workshops:
Wir beschäftigen uns gemeinsam mit einer geschickten Aufgabenverteilung. Ich zeige euch dafür ein System mit dem ihr Rollen variabel definieren könnt.
Wir besprechen gemeinsam, in welchen Schritten Probleme an den verschiedenen Schnittstellen (vor, während oder nach dem Unterricht) gelöst werden.
Ich zeige euch viele einfache Tipps um die meisten Probleme auch im Unterricht zu lösen oder zu vermeiden und ich helfe euch bei den häufigsten Problemen mit den iPads*.
* Leider kann ich nur wenig technische Hilfe für andere Geräte, wie zum Beispiel Smartboards, geben. Denn davon gibt es viel zu viel verschiedene Marken, Modelle und Anbieter.
Ach, eins noch!
Da hat man das eine Problem gelöst und dann kommt da dieser alles verratende Spruch. Und sofort wird das nächste Problem angesprochen. Meine Pause habe ich dann früher immer aufgegeben, bin sogar teilweise zu spät zum Unterricht gekommen oder habe die Person mit dem Problem zur Lösung in den Unterricht eingeladen.
Auch zeigt der Satz, wie wenig Raum es zur Problemlösung in der Schule eigentlich gibt.
Die Zeit in der man sich einem Problem wirklich widmen kann und in dem aus einer Problemlösung etwas nachhaltiges entsteht, ist leider immer begrenzt. Umso wichtiger sind Personen deren Problem gelöst wurde. Denn sie sind die Multiplikatoren für die Lösung. Hier setzt in meinen Augen eine Verantwortung an. Mir wurde geholfen, also helfe ich auch anderen. Denn andernfalls würde das Problem wieder auf die wenig kompetenten Personen zurückfallen. Das wäre das Gegenteil von Nachhaltigkeit und wäre dann nicht ein Weg eines Problems, sondern ein Kreislauf.
Deshalb wage ich es Regeln beim Weg des Problems aufzustellen (kein Anspruch auf Vollständigkeit):
  1. Freiraum und Raum für Lösungen schaffen
  1. Den Weg Schritt für Schritt gehen
  1. Eine Lösung erhalten - jetzt bis du Teil der Lösung!
  1. Meine Pause gehört mir - der Unterricht gehört den Kindern
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